Samstag, 27. März 2010

Türkische Gymnasien in Deutschland? I

Der Aufruf türkische Gymnasien und Hochschulen in Deutschland zu gründen ereilt und aus der Türkei. Die Politik lehnt dieses Ansinnen deutlich ab. Doch was spricht dagegen?

Die Argumentation des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ist eher lückenhaft. So möchte er Kindern und Jugendlichen mit solchen Gymnasien eine Möglichkeit zum Abitur erschaffen, auch ohne ausreichende Deutschkenntnisse. Aus Sicht der Sprachentwicklung kann man dieser Sicht leider in keiner Weise folgen.

Hierzu einen kleinen Ausflug in die Sprachentwicklung:
Vom ersten Tag an lernen Kinder neben vielen anderen Dingen die Muttersprache mit der sie tagtäglich angesprochen sind und von der sie umgeben sind. Die Laute fügen sich im Kopf zu Worten zusammen und diesen wird zunehmend Bedeutung zugemessen. Sprache im Kopf entsteht. Doch im Kopf reicht sie dem kleinen Kind nicht aus. Es probiert und produziert ebenfalls Laute, welche seinen Entsprechungen im Kopf ähneln. Durch die Reaktionen seiner Umwelt erfährt es hier Bestätigung:
„Papapapapap“ „Ja, der Papa kommt gleich“ mit zugewandter Gestik und Mimik. Aus diesen einzelnen Worten, welche die Kinder erfolgreich erprobt haben und nun sicher verwenden können entwickeln sich Sätze. Es gibt schließlich Sachverhalte, die mehr als ein Wort verlangen.
Grammatikalische Strukturen in den Äußerungen der Eltern werden analysiert und vom Kind auf Regelmäßigkeiten und Wiederholungen hin untersucht (klingt wahrscheinlich so schwer wie es ist!). Die selbstproduzierten Sätze der Kinder müssen immer mehr Inhalt vermitteln, da der Kopf immer mehr Inhalt mitteilen möchte. Von einer abgeschlossenen Sprachentwicklung der Muttersprache sprechen wir mit etwa 5 Jahren.
Dieses System Sprache befindet sich nun im Kopf oder nach Spitzer könnte man sagen, es haben sich breite Pfade herausgebildet. Eine neue Sprache könnte man als zweiten Weg bezeichnen, der immer wieder von diesem großen Pfad abweicht. Durch häufiges Verwenden dieses Weges wird dieser genauso groß, wie der erste Pfad. Manchmal wollen Kinder auch den ersten Weg nicht mehr gehen, weil der zweite viel spannender empfunden wird, oder auch anders herum...

Doch was hat dies nun mit Sprachförderung zu tun?
Stellen sie sich nun vor, sie gehen in einem Wald. In diesem Wald gibt es einen großen Pfad. Doch die Neugier treibt sie an den Wald zu erforschen. Sicherlich werden sie in Sichtweise zum Pfad bleiben. Wenn sie nun nicht eine Stunde diesen Wald erforschen, sondern immer länger, dann werden sie zum einen sich neue Trampelpfade erschließen und zum anderen sich immer weiter von diesem Pfad entfernen können... in unserem Beispiel also von der Muttersprache.
Doch nun stellen sie sich vor, sie trauen sich auf den großen Pfad und stellen fest, dass dieser selber schon marode ist, ständig im Kreis führt und auch sonst keine Sicherheit darstellt. Alleine das Bleiben auf diesem Pfad stellt schon eine Herausforderung für sie dar und der umliegende Wald wird als weniger interessant empfunden. Sie gehen nur soweit hinein, wie es unbedingt nötig ist, um ihre dringenden Bedürfnisse zu befriedigen.
Zurück aus dem Wald sind wir nun bei dem Erwerb von Sprachen:
Der Hauptpfad stellt eine Muttersprache dar, die gut und vollständig bei einem sicheren Partner gelernt wird. Gibt es bereits in der Muttersprache Schwierigkeiten fällt es Kindern schwer eine weitere Sprache zu lernen. Doch ist dieser Weg gut ausgebaut und die grammatikalischen Strukturen nicht durch den Versuch eine andere Sprache (in dem Fall leider meistens auch nicht korrekt) zu lehren, kann auf diesem Fundament ein guter Zweitspracherwerb stattfinden.
Zusammenfassung:
Kinder lernen zuerst von ihren nächsten Bezugspersonen eine Sprache. Um einen guten Spracherwerb zu fördern ist es egal, welche Sprache die erste Sprache ist. Hauptsache das Kind lernt sie von jemanden, der diese Sprache sicher beherrscht.
Auf diesem Fundament kann ein Zweitspracherwerb sehr gut funktionieren.

Doch was hat das mit Erdogans Begründung zu tun?
Herr Erdogan möchte Kindern helfen, das Abitur zu schaffen, die bislang teilweise ihre eigene Muttersprache (türkisch) nicht beherrschen und wie wir oben schon gesehen haben auch darauf aufbauend keine oder nur mangelnde Deutschkenntnisse haben.
Doch da wir eben erfahren haben, dass der Mutterspracherwerb bereits vor der Grundschule abgeschlossen ist (Wortschatzerweiterungen ausgenommen) lässt sich hieraus ableiten, dass Kinder, die in der 5 Klasse beide Sprachen nicht ausreichend können, weitergehende Probleme haben, als mit einer türkischen Schule gelöst werden könnten.

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